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Das online Magazin First Monday ist seit vielen Jahren eine besondere Adresse für wissenschaftliche Analysen von digitalen Phänomen. Die letzte Ausgabe von First Monday widmet sich dem 10-jährigen Jubiläum von Whatsapp und der Frage wie Aktivisten weltweit diesen Messenger-Service für politischen Aktivismus nutzen. Sieben Studien beleuchten die weltweite Nutzung von Whatsapp und zeigen wie neue private und geschützte Räume der Öffentlichkeit entstanden sind, ohne die moderne Online-Kampagnen nicht mehr denkbar sind, die aber auch in Zeiten von Desinformation und Radikalisierungen die digitale Gesellschaft vor Herausforderungen stellen.

Whatsapp, 2009 von 2 ehemaligen Yahoo Mitarbeitern gegründet, ist nur eines von vielen Messenger-Tools, wie Signal, Threema, Telegram oder WeChat, das hier stellvertretend für die steigende Bedeutung dieser Chat-Plattformen, untersucht wurde. Besonders die globale Verbreitung von Whatsapp ist bemerkenswert, wenn in Malaysia 54 % der Bevölkerung Nutzer sind, aber auch in Brasilien, Indien, Mexiko und vielen afrikanischen Ländern Facebook, die Eigentümer von WhatsApp, auch mit diesem Tool die Nase vorn hat. Nach Aussage der Forscher hat eine Whatsapp Gruppe im Schnitt nicht mehr als 10 Mitglieder und die Teilnahme -Beschränkung liegt bei 256 Mitglieder pro Gruppe. Hier besteht auch ein Unterschied zu Telegram, wo es große Gruppe mit tausenden Teilnehmer gibt, was derzeit sehr populär z. B. bei rechtsextremen Gruppierungen in Europa ist. Doch es gibt noch weitere Unterschiede zwischen den Messenger, wobei die Verschlüsselung besonders herausragt. Genau darüber verfügt WeChat in China nicht, obwohl dort der Messenger noch viel mehr im Alltag verbreitet ist, wenn darüber Arzttermine organisiert werden, im Restaurant bestellt und am Ende sogar über WeChat bezahlt wird.

Die sieben Studien auf First Monday zeigen auf wie bedeutend Whatsapp für Aktivisten geworden ist. Dabei stellte sich die Analyse als schwierig heraus, weil der Einblick in das Innenleben solcher Chats nur über Interviews oder sogenannte “Scrollback” Ansätze erfolgt, wobei eine Aktivistin dem Forscher den Chat-Verlauf zeigt. Herausgekommen ist ein spannender Rundblick, der zeigt wie früh Aktivisten bereits Whatsapp für Kampagnen nutzten. Bereits 2011 nutzten spanische Aktivisten für die “15 Mai” Proteste während der Wirtschaftskrise in Spanien.

Through the tactical appropriation of social media and the savvy hijacking of their algorithms, the 15M movement that emerged in 2011 in Spain —the so-called Indignados — was capable not only of launching calls for action and organizing massive mobilizations but also of systematically influencing journalistic coverage and situating its claims in the media agenda. Emiliano Treré

Emiliano Treré untersuchte auch den Aktivismus hinter der #yosoy132 Kampagne in Mexiko, die sich 2012 gegen die mexikanische Regierung des damaligen Präsidenten richtete. WhatsApp spielte hier eine wichtige Rolle für die Organisation der Proteste. In den Chat-Räumen fanden wichtige vertrauensvolle Diskussionen statt und Konflikte konnte entschärft werden.

WhatsApp messages shared across multiple groups established ‘sheltered’ areas where activists could express themselves far from the pressures and anxieties of the social media frontstage, the ‘official lights of Facebook walls and pages’ Emiliano Treré

Whatsapp soll nach Sean Gallagher 2016 für den Coup in der Türkei benutzt worden sein, als effizientes Koordinationstool. Aber auch gefährdete Gruppe nutzen diese private Sphäre zum Austausch und Unterstützung, wie zum Beispiel kenianische Sexarbeiter.

Aus den Studien entnimmt man den Trend, dass digitale Tools und Plattformen unterschiedliche Taktiken dienen. Während Diskussionen und Konflikte in der digitalen Öffentlichkeit auf Twitter oder Facebook ausgefochten werden, bilden sich private Öffentlichkeiten über Messenger, die wichtige Rückzugsräume darstellen, um Informationen auszutauschen, Fragen zu besprechen und Vertrauen zu schaffen. Emiliano Treré unterscheidet hier zwischen “frontstage and backstage activism”, wo öffentliche online Sphären wie Twitter zur Meinungsmache genutzt werden (frontstage) und Whatsapp als Organisations- und Koordinatiomnsool zur internen Diskussion dient (backstage). Emma Baulch, Ariadna Matamoros-Fernández und Amelia Johns teilen in ihrer Studie zum brasilianischen Wahlkampf die Motivation zur Nutzung von Whatsapp in vier Kategorien auf:

  1. Austausch von Neuigkeiten und Diskussion;
  2. Vernetzung zur Solidarisierung und einer gemeinsamen Identität;
  3. zur Koordination von Aktionen zwischen Aktivisten;
  4. zur Umgehung der Staatsüberwachung.

Diese Motivation spiegelt sich auch bei vormaligen digitalen Technologien wider, wie Email, Foren oder Internet Relay chat, auf die seit dem Beginn des Online-Aktivismus in den Neunziger Jahren zurückgegriffen wird. Einzig der 4. Punkt stellt eine Neuerung dar, denn die bisherigen Tools waren alle nicht verschlüsselt, es sei den man verschlüsselt umständlich Emails selbstständig, was in früher in Foren oder E-Mail Gruppen fast nie funktionierte. Die Ende-zu-Ende Verschlüsselung von Whatsapp oder Signal bietet erstmals flächendeckende verschlüsselte Kommunikation, wodurch die gesendeten Inhalte nur den Teilnehmern offen steht. Das ist ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass Email Kommunikation bis heute dem Versand einer digitalen Postkarte entspricht und schon der Provider theoretisch alles mitlesen kann. Wie die Amelia Johns schreibt, ist diese Verschlüsselung ein wesentlicher Grund der Nutzung von Whatsapp in Malaysia, wo per Gesetz regierungskritische Kommentare immer weiter verfolgt werden. Sie spricht hier von Crypto Publics, als der bewusste Entscheidung in die verschlüsselte Privatsphäre zu tauchen.

By using the term crypto-publics I am wanting to bring greater attention to the affordance of end-to-end-encryption which renders the content of messages circulating through WhatsApp groups unsearchable and untraceable to state monitoring (if not from Facebook, who do collect metadata from the platform)

Die Studien zeigen, dass weltweit Menschen bewusst in die verschlüsselten privaten Öffentlichkeiten Wechseln und es eine höhere Sensibilität vor staatlicher und kommerzieller Überwachung gibt. Aber der Hinweis darf nicht fehlen, dass auch eine solche verschlüsselte Kommunikation kein absoluter Garant ist, was der jüngste Hack auf das Handy des bekannten Amazon CEO Jeff Bezo Wenn das Telefon gehackt ist und jedes geschrieben Wort vom Keyboard verschickt wird, dann hilft auch keine verschlüsselte Kommunikation mehr. Zudem betrifft die Verschlüsselung nur gesendete Inhalte und nicht die Meta-Information wer mit wem zu welcher Zeit Nachrichten austauscht.

Vielen Regierungen weltweit missfällt diese Verschlüsselung von Messenger-Diensten und sie gehen vermehrt dagegen vor. In Russland forderte man eine Hintür zu Telegram zu bekommen, wozu auch immer wieder Politiker in westlichen Ländern aufrufen, die es ermöglichen soll Nachrichten mitzuschneiden. Oder Ägypten, wo die Messenger-App Signal blockiert wird.. Ein Argument ist extremistische Gruppierungen besser verfolgen zu können. [Kritik kommt auch aufgrund der Verbreitung von Falschmeldungen, Desinformation und Hass-Inhalte über Messenger, die teilweise hohe Verbreitung finden. Eine weitere Studie zeigt wie effektiv Whatsapp im brasilianischen Wahlkampf für Falschmeldungen genutzt wurde.

One of the most underlined cases of deployment of WhatsApp for the spread of fake news and propaganda is Brazil’s 2018 presidential elections.

Nach dem BBC-Bericht gab es Bots die Nachrichten an bis zu 300 tausend Adressaten verschickt haben. Whatsapp hat deswegen ein globales Limit zum Teilen von Nachrichten auf 20 Empfänger gesetzt. Nur niemand kann sagen, ob dies ein Notruf eines Aktivisten im brasilianischen Urwald war, der vor der Abholzung warnt, oder in Rio de Janiero eine neue Falschmeldung verbreitet wird. Damit zeigt sich wie komplex die Regulierung von neuen Technologien und sozialen Medien geworden ist.